So ging es weiter

Der Wechsel von Bonn nach Braunschweig war ein schwerer Entschluss: Die Katharinenkirche war wegen der Sicherungsarbeiten eine große Baustelle und nur zur Hälfte benutzbar, die Chorempore samt Orgel waren abgerissen, und es stand nur eine kleine Ersatzorgel im Seitenschiff zur Verfügung. Tatsächlich war es nur die Kantorei, die mich 1976 bewog, mit meiner Frau, ebenfalls Kirchenmusikerin mit A-Diplom, und mit unseren beiden Kindern umzuziehen. In der Folgezeit war es ermutigend zu erleben, wie sich die Kantorei weiter entfaltete, wie die Restaurierung der Kirche endlich 1980 abgeschlossen wurde und gleichzeitig die große und prächtige neue Beckerath-Orgel, von mir musikalisch konzipiert, in einer Festwoche den Raum mit Musik erfüllte.
Eine Kantorei ist ja ein erstaunliches Gebilde, indem sich dort Menschen unterschiedlichster Lebensalter und sozialer Schichten zusammenfinden, um sich in gemeinsamer Bemühung der Gestaltung eines musikalischen Kunstwerks
zu widmen. Dies bedeutet nicht nur disziplinierte und kontinuierliche musikalische Arbeit, sondern auch intensive Auseinandersetzung mit biblischen und kirchlichen Texten. Wer einmal Schütz oder Brahms gesungen hat, dem wird bei der Begegnung mit diesen Texten unweigerlich in den Ohren (und in der Stimme) die Musik lebendig werden. Ich sah es immer als Aufgabe an, vermittelnd und auch erzieherisch musikalisch und geistig/geistlich zu dieser Lebensbereicherung beizutragen.
Die Musik, mit der wir uns beschäftigten, sollte vielfältig, sorgfältig und lebendig gearbeitet sein und dem jeweiligen Stil entsprechen. Dazu gehörten sowohl A-cappella-Musik wie Oratorien, Alte wie Neue Kirchenmusik. Dass so viele sich dieser Aufgabe stellten, war eine große Freude für den Kantor, und ganz besonders sei denen gedankt, die mich gewissermaßen als „harter Kern“ während der gesamten Zeit meiner Tätigkeit begleitet haben und auch in Durststrecken (Moderne!) nicht locker ließen. Große Unterstützung erhielt ich durch meine Frau, die eigene Orgelkonzerte spielte und bei der Einstudierung und Aufführung der Chorwerke unschätzbare und unermüdliche Hilfe leistete. Unsere Tochter Christiane übernahm anspruchsvolle Partien mit der Querflöte und korrepetierte die angereisten Solisten, und auch unser Sohn Michael leistete seinen Beitrag mit dem Cello.
Große Dankbarkeit empfinde ich gegenüber denen, die mir immer den Rücken gestärkt und uneingeschränktes Vertrauen geschenkt haben: dem verstorbenen Pfarrer E.-B. Müller, Propst Klaus Jürgens, Pfarrer Joachim Vahrmeyer, dem Kirchenvorstand und8 nicht zuletzt dem „Freundeskreis für Kirchenmusik an St. Katharinen“.
Großes Glück hatte ich, während meiner Ausbildung fast ausschließlich vorbildliche Persönlichkeiten als Lehrer zu haben. Ich studierte Kirchenmusik an der Hochschule in Detmold bei Kurt Thomas (Chorleitung) und Michael Schneider (Orgel) sowie Musikwissenschaft an der Universität in Köln bei K. G. Fellerer. Wesentliche Impulse erhielt ich später durch S. Celibidache und L. Rajter (Orchesterdirigieren), N. Harnoncourt (Aufführungspraxis Alter Musik), F. Germani und L. F. Tagliavini (Italienische Orgelmusik) u.a. Auch meine eigene Unterrichtstätigkeit an den Musikhochschulen in Düsseldorf und Hannover brachte immer wieder neue Erfahrung und Erkenntnisse.
Mein beruflicher Werdegang als Kantor in Düsseldorf (1956-61), als Kirchenmusikdirektor in Bonn (1961-76) und schließlich als KMD und Propsteikantor in Braunschweig (1976-95) war zwar nicht immer leicht, erscheint mir aber doch gradlinig, und es erfüllt mich mit Freude zurückzuschauen und meinem Nachfolger Claus-Eduard Hecker eine „geregelte Kirchenmusik“ (Bach) übergeben zu haben – und dies mit vielen guten Wünschen!
Kirchenmusikdirektor Dieter Kroeker